Rekord-Weltmeister am Absaufen: Deutschland, Brasilien und Italien haben die Zeitenwende im Fußball verschlafen

Bild: Dan Mullan/Getty Images
Brasilien, Deutschland und Italien haben nichts mehr mit der Weltspitze im Fußball zu tun. Frühes-Tor.de nennt Ursachen.
Willkommen im modernen Fußball. Auf Wiedersehen, liebe Rekord-Weltmeister! So böse könnte man eine Zeile formulieren, wenn es formal um die drei erfolgreichsten Fußballnationen aller Zeiten geht. Brasilien hat fünf Weltmeistertitel gesammelt, ist aber nun im Achtelfinale der WM 2026 gegen Norwegen ausgeschieden (1:2).
Deutschland besitzt vier WM-Titel, musste aber im Sechzehntelfinale der WM 2026 gegen Paraguay die Segel streichen. Deutschland verlor dabei sogar erstmals ein Elfmeterschießen bei einer WM. Italien, ebenfalls mit vier WM-Titeln gesegnet, verpasste zum dritten Mal in Folge die Qualifikation für eine Weltmeisterschaft.
Bis 1978 ging es nur gegen 15 Konkurrenten
Was ist bloß los mit den drei großen Fußballnationen? Generell muss man zunächst festhalten: In früheren Zeiten war es für die Teams einfacher, Titel zu gewinnen oder im Turnier weit zu kommen. Die drei Nationen konnten sich auf ihr fußballerisches Talent und ihre Erfahrung verlassen und mussten sich bis 1978 „nur“ unter 16 Teams durchsetzen.
Auch die Erweiterung auf 24 Mannschaften bis 1994 ließ den Wettbewerb und die Konkurrenz noch überschaubar bleiben. Ab 1998 folgte dann die Ausdehnung auf 32 Teams, was mehr Spiele und mehr Konkurrenz bedeutete.
Hinzu kommt, dass alle drei Teams im modernen Fußball ihre Identität ein wenig verloren haben. Deutschland zeichnete sich über Jahrzehnte durch Effizienz vor dem Tor und große Resilienz in Turnieren aus. Doch im neuen Jahrtausend wollte man Abstand nehmen vom verpönten „Rumpelfußball“, der auch nicht mehr erfolgreich war. Man legte den Fokus auf Taktik und Passspiel. Im Zusammenspiel mit den alten Tugenden führte dies unter anderem zum WM-Titel 2014.
Doch danach ging es bergab. Die Resilienz ging immer mehr verloren, auch die Fähigkeit, über feste Strukturen ein echtes Team neu aufzustellen, schwand. Gepaart mit Selbstüberschätzung, fehlenden Spielerprofilen für Mittelstürmer und Außenbahnen, dem Mangel an Führungsstärke und Mut in allen Bereichen sowie fehlender Physis verpasste Deutschland nun dreimal in Folge das Achtelfinale einer Weltmeisterschaft.
Doch nicht nur Deutschland hat die Zeitenwende im Fußball verpasst. Brasilien hat sich vom Kommerz-Fußball in die Irre führen lassen. Früher spielten ihre künftigen Talente auf der Straße und an den Stränden Fußball. Brasilien hatte einst die höchste Dichte an individuell hochklassigen Fußballern. Sie waren Künstler, eigenständige Charaktere – und manchmal holten sie sich zu ihren Profi-Zeiten in Europa die nötige Erfahrung, um defensiv robust zu agieren.
Konzerne entwickeln den Fußball in Brasilien
Heute sind Klubs und Konzerne aus aller Welt in Brasilien tätig, bauen Fußballschulen nach europäischen Konzepten auf und schicken die Kinder schon früh nach Europa. Brasilien hat so nach und nach seine fußballerische Identität verloren. Es ist im Grunde eine europäische Mannschaft geworden, die kurioserweise seit 2006 stets bei Weltmeisterschaften gegen europäische Teams ausscheidet
Aktuell wurde zudem der Fehler gemacht, Trainer Carlo Ancelotti zu spät zu verpflichten. Der Italiener hatte erst ab Sommer 2025 Zeit, eine Mannschaft aufzubauen. Dabei beging er einen ähnlichen Fehler wie Deutschland mit Manuel Neuer: Routinier Neymar kam zurück, obwohl er verletzt war und nicht mehr konstant Leistung abrufen konnte.
In Italien wiederum wird viel darüber diskutiert, dass man den eigenen Nachwuchs schlecht ausgebildet und wenig gefördert hat. Selbst in der italienischen Serie A sind die Führungsspieler in der Regel aus dem Ausland. Außerdem setzen die Italiener gerne auf Profis über 35 Jahren, die jedoch Plätze für ihre Talente blockieren.
In Italien versteht man zumindest noch, was Verantwortung bedeutet. Nach jedem Misserfolg treten Trainer und Funktionäre zurück. Auf der anderen Seite fehlt dann die Zeit, etwas zu entwickeln. Zudem sind die italienischen Top-Coaches eher im Ausland tätig, als dass sie sich der italienischen Nationalmannschaft widmen.
Der letzte WM-Titel von Italien stammt aus dem Jahr 2006, jener von Brasilien aus 2002. Deutschland ist in diesem Sinne mit dem WM-Titel von 2014 noch gut davongekommen. Der Druck und die Erwartungshaltung auf die neuen Spieler-Generationen in diesen Ländern ist groß. Sie scheinen der Herausforderung nicht gewachsen zu sein. Tradition wird zur Bürde.
Für alle drei Nationen gilt: Wenn jetzt nicht große Reformen eingeleitet werden und sich Mentalität sowie Organisation nicht ändern, werden Brasilien, Italien und Deutschland weitere Debakel bei Weltmeisterschaften erleben.