Unterschätzt und abgeschrieben: Hertha BSC funktioniert plötzlich als Team

Bild: Lars Baron/Getty Images
Hertha BSC startet mit einem 1:0 beim VfL Bochum in die neue Saison. Der Sieg macht den personellen Aderlass nicht ungeschehen, deutet aber an, wie die Berliner ihre wichtigsten Abgänge auffangen könnten.
Als Herthaner kennt man das Spiel: Nach einem Sieg wird vom Aufstieg gesprochen, nach der ersten Niederlage beginnt die Krisendebatte. Beides wäre nach dem ersten Spieltag Quatsch. Trotzdem war der Auftritt in Bochum durchaus interessant. Fabian Reese, Michael Cuisance, Tjark Ernst und Kennet Eichhorn sind weg. Damit hat Hertha nicht nur Qualität, sondern auch seine individuell auffälligsten Spieler verloren. Die Erwartungen sind entsprechend niedrig. Vielleicht hilft der Mannschaft genau das.
Ohne Reese braucht Hertha neue Lösungen
In der vergangenen Saison bestand der Plan zu häufig darin, auf einen besonderen Moment von Reese oder Cuisance zu warten. Diese Absicherung gibt es nicht mehr. Hertha muss gemeinsam pressen, verteidigen und Angriffe entwickeln.
In Bochum funktionierte das zumindest phasenweise erstaunlich gut. Soufian Gouram bereitete bei seinem ersten Startelfeinsatz den Treffer von Sebastian Grönning vor. Niklas Kolbe erfuhr erst am Spieltag von seinem Einsatz und half dabei, die Null zu halten. Das sind keine großen Namen. Aber es sind genau die Geschichten, aus denen eine funktionierende Mannschaft entstehen kann.
Leitls Ansatz ist zu erkennen
Hertha verteidigte höher, lief Bochum früher an und wirkte in den Zweikämpfen wesentlich griffiger. Stefan Leitl sprach anschließend von einem „fantastischen Spiel“. Darüber lässt sich natürlich streiten. Fantastisch waren vor allem aber der Einsatz und die Intensität, fußballerisch blieb vor allem in Halbzeit zwei noch viel Luft nach oben.
Nach der Pause verlor Hertha zeitweise die Kontrolle. Auch offensiv war vieles Stückwerk. Ein besserer Gegner hätte die Berliner dafür womöglich bestraft. Deshalb macht ein Sieg die Blau-Weißen noch lange nicht zum Aufstiegskandidaten. Er zeigt aber, dass die Saison vielleicht nicht ganz so düster werden muss, wie es der bisherige Transfersommer vermuten ließ.
Möglicherweise wird Hertha dieses Jahr aufgrund der Situation unterschätzt. Vielleicht tut der geringere Erwartungsdruck vor allem der Mannschaft gut. Und vielleicht passt Leitls intensiverer Ansatz besser zu einem Team, das sich nicht mehr auf einzelne Stars verlassen darf. Nach einem Spiel ist das nicht mehr als eine Beobachtung und das langsame wachsen von Hoffnung. Aber wenn schon kaum jemand an Hertha glaubt, könnte genau darin eventuell die größte Chance in dieser Saison liegen.