Hertha im Höhenflug – doch ein Problem fliegt mit

Bild: Maryam Majd/Getty Images
Neun Punkte, zehn Tore und Tabellenplatz zwei: Hertha BSC hat den großen Umbruch erstaunlich schnell abgeschüttelt. Nach den Abgängen zahlreicher Leistungsträger war mit einer schwierigen Anfangsphase gerechnet worden. Stattdessen gewannen die Berliner ihre ersten drei Ligaspiele und stehen lediglich aufgrund der Tordifferenz hinter dem 1. FC Nürnberg.
Der Traumstart ist verdient. Er vermittelt allerdings das Bild einer bereits gefestigten Spitzenmannschaft. Ganz so weit ist Hertha noch nicht.
Hertha kann Spiele noch nicht durchgehend bestimmen
Bereits beim 1:0 zum Saisonauftakt in Bochum zeigte sich das Grundproblem. Hertha verteidigte die Führung diszipliniert, wurde nach der Pause jedoch zunehmend in die eigene Hälfte gedrängt. Eigene Entlastungsangriffe fanden kaum noch statt. Bochum fehlte letztlich die Qualität, um daraus Kapital zu schlagen.
Gegen den 1. FC Heidenheim folgte anschließend die bislang stärkste Halbzeit der Saison. Hertha spielte schnell, mutig und aggressiv gegen den Ball. Nach 35 Minuten stand es bereits 3:0. Nach der Pause änderte sich das Bild jedoch deutlich. Heidenheim erhöhte die Intensität, übernahm die Kontrolle und zwang die Berliner zu mehreren leichten Fehlern. Der deutliche 4:1-Erfolg ließ diese Phase beinahe bedeutungslos erscheinen.
Noch deutlicher wurde die fehlende Stabilität in Braunschweig. Hertha begann mit viel Ballbesitz und einem sicheren Gefühl, verlor nach einem individuellen Fehler vor dem 0:1 aber schlagartig seine Ordnung. Eintracht erhöhte auf 2:0 und vergab anschließend sogar die große Gelegenheit zum dritten Treffer. Erst kurz vor der Pause riss Hertha das Spiel wieder an sich und verwandelte den Rückstand noch in einen spektakulären 5:3-Sieg. Die Reaktion war beeindruckend. Dass eine einzelne misslungene Aktion die Mannschaft zuvor derart aus dem Rhythmus bringen konnte, sollte dennoch nicht übersehen werden.
Herthas neue Stärke verdeckt das Problem
Die Berliner können momentan schwierige Phasen durch Intensität, individuelle Qualität und einen bemerkenswerten Zusammenhalt überstehen. Genau darin liegt der große Fortschritt gegenüber der vergangenen Saison. Hertha fällt nach Rückschlägen nicht auseinander, sondern besitzt die Überzeugung, ein Spiel jederzeit drehen zu können.
Diese Widerstandskraft darf allerdings nicht mit vollständiger Spielkontrolle verwechselt werden. Sobald ein Gegner den Druck erhöht oder Herthas erste Pressinglinie überspielt, fehlt noch zu häufig die Ruhe, um das Tempo zu reduzieren und wieder eine eigene Ordnung herzustellen. Die Mannschaft reagiert dann auf das Spiel, statt es selbst zu lenken. Auf Dauer wird sich nicht jeder Gegner so ineffizient zeigen wie Bochum. Ebenso wenig lässt sich regelmäßig ein Zwei-Tore-Rückstand wie in Braunschweig drehen. Soll Herthas starker Saisonstart tatsächlich in einen dauerhaften Kampf um den Aufstieg münden, muss die Mannschaft lernen, Spiele auch in ihren schwächeren Phasen besser zu kontrollieren.
Die bisherigen Ergebnisse zeigen, wie viel Potenzial in dieser neuformierten Hertha steckt. Die Spielverläufe zeigen aber auch, dass sie noch längst nicht fertig ist.