WM 2026

WM-Debakel der türkischen Nationalmannschaft: Das Herz sagt Ja, der Kopf sagt Nein

Bild: Richard Heathcote/Getty Images

Die Türkei hat bereits vor dem letzten Gruppenspiel gegen die USA die Qualifikation für die K.o.-Runde bei der WM 2026 verpasst. Nun ist eine schonungslose Analyse erforderlich.

Es handelt sich erneut um ein Drama rund um die türkische Nationalmannschaft. Eine talentierte und erfahrene Mannschaft war vor wenigen Wochen zur WM 2026 nach Nordamerika gereist, um im besten Fall um den WM-Titel mitzuspielen. Nun hat die Türkei jedoch nach zwei WM-Spielen bereits alles verloren.

Türkei spielte in Überzahl gegen Paraguay

Nach einem 0:2 gegen Australien folgte eine 0:1-Niederlage gegen Paraguay. Gegen Paraguay spielte die Türkei sogar eine Halbzeit lang in Überzahl. Im letzten Gruppenspiel gegen Gastgeber USA geht es für die Türkei deshalb nur noch darum, sich würdevoll von der WM 2026 zu verabschieden.

Doch was ist passiert, dass der Geheimfavorit Türkei schon nach der Gruppenphase die Koffer packen muss? In den kommenden Wochen wird es für die Türkei wichtig sein, eine tiefgehende Analyse vorzunehmen. Von großer Bedeutung wird es sein, im Fußball einen kompletten Kulturwandel einzuleiten.

Denn die türkische Nationalmannschaft hat bei der WM 2026 fußballerisch nicht versagt, sie war vor allem mental ein Totalausfall. Das Herz sagte Ja, der Kopf sagte Nein! Wieder einmal, muss man festhalten.

Die Türkei muss sich nach Einschätzung von Frühes-Tor.de um drei Kernprobleme kümmern, die allesamt kein Geheimnis sind.

Zum einen ist das Land von großem Nationalstolz geprägt. Ganz gleich, welche politische Orientierung man in der Türkei hat, der Nationalstolz ist extrem präsent. Das ist natürlich nichts Verwerfliches. Das Problem vieler Spieler ist jedoch, dass sie glauben, bei einem großen Turnier die Verantwortung für 89 Millionen Einwohner zu tragen.

Diese müssen sie unbedingt glücklich machen, um ihnen den oft schweren Alltag zu erleichtern. Das ist aber eine extrem hohe Erwartungshaltung an die Spieler, der sie nur selten gerecht werden können. Die Frage für die Zukunft lautet: Wie können die Spieler weiterhin stolz auf ihr Land sein, sich aber zugleich von dieser großen Verantwortung etwas freier und lockerer machen?

Der zweite Punkt muss ein Weckruf an die Fußball-Fachpresse (Journalisten, Influencer) in der Türkei sein. Grundsätzlich wird vor jedem Turnier die Mannschaft und die Spieler als gefühlt die besten der Welt hochgelobt. Das weckt wiederum in der Öffentlichkeit Titel-Erwartungen an die Mannschaft, die kaum zu erfüllen sind.

Dass zum Beispiel Arda Güler bei Real Madrid, dem formal besten Klub der Welt, spielt, ist durchaus anerkennenswert. Aber er ist dort kein Führungsspieler und hat auch nicht dazu beigetragen, dass Real Madrid in den vergangenen zwei Jahren einen Titel gewonnen hat. Er braucht noch Zeit.

Generell wird sich die Türkei in absehbarer Zeit bei Weltmeisterschaften stets hinter den Teams aus Spanien, Frankreich, England, Brasilien, Argentinien und Deutschland einordnen müssen. Das realistische Maximalziel für die Türkei kann also nur das Viertelfinale sein, wenn alles gut zusammenpasst. Träumen darf man natürlich immer vom Titel, aber das ist nicht der Job der Fachpresse.

Der dritte bedeutende Faktor: Der türkische Fußball ist weiterhin durch die Rivalität der Klubs in Istanbul (Galatasaray, Fenerbahce, Beşiktaş) tief gespalten. Wer wird nominiert? Wer hat welche machtpolitische Verbindung zu welchem Klub? Die Türkei schafft es vor einem Großturnier nicht, diese fußballpolitischen Strömungen zu einer verschworenen Einheit zu formen.

Solange diese drei Faktoren die Spieler mental beschäftigen, wird es stets schwer sein, ein erfolgreiches Turnier zu spielen. Negative Turnierergebnisse werden eher die Regel sein.

Starke Statistiken für Türkei

Was man den Spielern jedoch nicht absprechen kann, ist das fußballerische Herz. Mit 62 Torabschlüssen steht die Türkei auch am Donnerstagmorgen noch an der Spitze dieses Rankings. Es wurden Großchancen herausgespielt, aber kläglich vergeben. 91 Prozent Passgenauigkeit sind der drittbeste Wert der WM 2026. Eine Ballrückeroberungszeit von durchschnittlich nur 18 Sekunden ist Bestwert. 14 Spieler besitzen einen Marktwert von über zehn Millionen Euro, die individuelle Qualität war auch absolut vorhanden, um ein gutes Turnier zu spielen.

Das Problem liegt im mentalen Bereich. Zu große Verantwortung für das Land, Selbstüberschätzung gepaart mit überhöhten Erwartungen der Öffentlichkeit sowie fußballpolitische Einflussfaktoren ließen die Mannschaft nicht frei aufspielen. Das Herz sagt Ja, der Kopf sagt Nein – es wird Zeit, dass der türkische Fußball diesen Zustand verändert, um 2030 das nächste WM-Debakel zu verhindern.

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