Was Teamgeist bedeutet: Spanien kann dem DFB-Team Nachhilfeunterricht geben

Bild: Alexander Hassenstein/Getty Images
Deutschland wollte mit großem Teamgeist nach dem WM-Titel greifen. Daraus wurde nichts. Spanien zeigt dagegen, wie es wirklich geht.
Deutschland bei der WM 2026: Sportlich war es eine Katastrophe. Doch bis zum Ausscheiden gegen Paraguay im Sechzehntelfinale ließen der DFB, seine Funktionäre, Spieler und nahestehende Berichterstatter die Öffentlichkeit glauben, dass etwas Großes möglich sei: der Gewinn des WM-Titels.
Das schöne, traditionelle Bild vom deutschen Teamgeist
Dabei wurde besonders ein Element hervorgehoben, das dem traditionellen Bild einer deutschen Fußballmannschaft so schön entspricht: die gute Stimmung im Team – also der große Teamgeist. Ob tatsächlich alle daran glaubten, einen starken Teamgeist zu besitzen, oder ob dies nur eine schöne Fassade nach außen war, bleibt unklar.
Der Verlauf der WM 2026 zeigt jedoch, dass Deutschland in Sachen Teamgeist nicht mehr führend ist. Spanien, der erste Finalist der WM 2026, dient dagegen als gutes Beispiel. Man kann es als Nachhilfeunterricht für Ex-Trainer Julian Nagelsmann, Kapitän Joshua Kimmich und Co. ansehen.
Denn Teamgeist entsteht nicht dadurch, dass eine zusammengewürfelte Truppe sich innerhalb von ein bis zwei Wochen im Trainingslager trifft und sich durch Siege zusammenschweißt.
Teamgeist entwickelt sich viel früher. Er braucht Zeit, Koordination, Führungskompetenz, echtes Interesse füreinander und kleine sportliche Erfolge im Vorfeld.
Die spanischen Spieler kennen sich seit Jahren aus den U-Mannschaften. Sie sind mit Trainer Luis de la Fuente gewachsen und haben bereits Erfolge gefeiert.
Viele Spieler teilen eine regionale Identität, haben ähnliche Klubstrukturen erlebt und einen ähnlichen Ausbildungsweg durchlaufen. Im Laufe der Zeit sind sie Freunde geworden, laden sich gegenseitig zu Hochzeiten ein und feiern gemeinsam.
Auf dem Platz geben sie den extra Meter für ihren Teamkollegen und sind eingespielt. Sie behindern sich nicht gegenseitig (wie Manuel Neuer seine Torwart-Kollegen Oliver Baumann und Alexander Nübel), sondern unterstützen sich in schweren Zeiten. Ihr mittelmäßiger Torwart Unai Simón erhielt stets Vertrauen, auch wenn er anfangs Fehler machte.
Spanien besitzt Führungsachse
Sportlich profitieren die Spanier von einer Führungsachse rund um Ballon-d’Or-Sieger Rodri, die über die Jahre gewachsen ist – und ein Superstar-Talent wie Lamine Yamal tut alles, um nach einer schweren Verletzung wieder in Form zu kommen. Was hat Jamal Musiala dagegen getan, um wieder fit zu werden?
Natürlich muss Deutschland nicht alles von Spanien übernehmen. Aber im Kern geht es darum: Ohne eine über Jahre gewachsene Achse an Führungsspielern gibt es keine Grundlage für Teamgeist. Wenn die Spieler außerhalb des Platzes wenig miteinander zu tun haben, sich kaum kennen (was sich immer wieder in den Social-Media-Fragespielen der DFB-Akteure zeigt) und wenig Empathie füreinander besitzen – angefangen beim toxisch zusammengesetzten Torwart-Team um Manuel Neuer – kann kein großer Teamgeist entstehen.
Fehlen zudem gemeinsame kleinere Erfolge (wie eine U-Weltmeisterschaft oder ein Triumph in der Nations League), entsteht kein großer Teamgeist.
Und wer als deutsche Gruppe Angst vor dem Elfmeterschießen hat, zeigt ohnehin, wie instabil das Gruppengefüge ist.
Natürlich ist diese Darstellung etwas zugespitzt. Die Spanier sind gerade erfolgreich, weshalb man jedes Puzzleteil als Grund für ihren Erfolg heranziehen kann. Bei Deutschland ist es umgekehrt: Der Misserfolg hält seit etwa zehn Jahren an, und jedes Puzzleteil kann als weiterer Grund dafür gelten.
Festhalten lässt sich jedoch: Was die deutsche Delegation 2026 als großen Teamgeist verkaufen wollte, war eher nur heiße Luft. Spanien steht dagegen im Finale, weil es einen großen Teamgeist besitzt, den es sich über Jahre hart erarbeitet hat.