DFB-TeamWM 2026

Chaos beim Elfmeterschießen: Wie die deutsche Nationalmannschaft gegen Paraguay in Verzweiflung geraten ist

Bild: Megan Briggs/Getty Images

Deutschland verliert erstmals ein Elfmeterschießen bei einer WM. Dafür gibt es Gründe.

Deutschland ist bei der WM 2026 verdient ausgeschieden. Im Sechzehntelfinale setzte sich Paraguay gegen das DFB-Team nach Elfmeterschießen durch (zwei zu drei verschossene Elfmeter). Der Tenor lautete bislang: Es sei so viel schiefgelaufen bei der deutschen Nationalmannschaft, dass man das Elfmeterschießen nicht noch weiter analysieren müsse. Man kann den Spieß aber auch umdrehen: Das katastrophale Vorgehen beim Elfmeterschießen spiegelt wider, wie chaotisch und unprofessionell diese deutsche Mannschaft unter der Führung von Bundestrainer Julian Nagelsmann die WM 2026 angegangen ist.

Elfmeterschießen ist zum Teil Glückssache

Konsens ist natürlich: Bei einem Elfmeterschießen gehört Glück dazu. Jeder Profi kann unter dem immensen Druck einen Elfmeter verschießen. Dafür ist er nicht zu verurteilen. Im konkreten Fall bei der WM 2026 lauten die Schützen Kai Havertz, Nick Woltemade und Jonathan Tah. Dennoch können Einstellung und Vorbereitung hinterfragt werden.

Im Profifußball gibt es zum Beispiel viele Trainer, die behaupten, Elfmeterschießen könne man gar nicht vorbereiten oder trainieren. Das stimmt definitiv nicht. In Norwegen gibt es einen Professor (Geir Jordet), der wirklich alles zum Elfmeterschießen durchdekliniert hat. Er hat für bestimmte Vorgehensweisen hohe Trefferwahrscheinlichkeiten errechnet und kann sie statistisch belegen. Jeder Trainer und Spieler, wenn er professionell ist, müsste sich zumindest die wichtigsten Erkenntnisse davon herausschreiben (lassen). In England wird dies zum Beispiel seit Jahren umgesetzt – und siehe da, ein paar Elfmeterschießen haben die Three Lions mittlerweile gewonnen.

Deutschland war bislang der Gegenpart zu England. Noch nie hatte Deutschland zuvor ein Elfmeterschießen (4) bei einer WM verloren. Frankreich, Mexiko, England und Argentinien zogen einst den Kürzeren. Dabei stimmt aber nicht der Mythos vom unerschrockenen und widerstandsfähigen deutschen Profi, sondern die Grundlage war stets eine gute Vorbereitung. Jürgen Klinsmann zum Beispiel engagierte für die Heim-WM 2006 einen Psychologen. Hans-Dieter Hermann ließ von Beginn an in den Trainingseinheiten geschickt Elfmeterschießen einbauen.

Lehmann wurde zum WM-Helden

Dazu kam, dass Torwart Jens Lehmann und Torwart-Trainer Andreas Köpke extrem viele Daten über mögliche Elfmeterschützen sammelten, obwohl man damals noch gar nicht so leicht an die Daten herankam. Die Belohnung war der Viertelfinalsieg im Elfmeterschießen gegen Argentinien.

Von der aktuellen deutschen Nationalmannschaft ist nun nichts in Sachen Vorbereitung auf Elfmeterschießen bekannt. Man muss aber davon ausgehen, dass dieses Element keine sonderlich große Rolle spielte. Warum?

Vor dem Elfmeterschießen gegen Paraguay war zu sehen, wie Bundestrainer Julian Nagelsmann vor der versammelten Mannschaft zweimal nervös auf seinen Zettel blickte, um sich bei den Elfmeterschützen nicht zu verlesen. Spieler merken, wenn sogar ihr Trainer unsicher wirkt. In der Folge beging der beste deutsche Elfmeterschütze Kai Havertz einen weiteren Fehler. Der Schiedsrichter unterhielt sich noch mit beiden Torhütern, Havertz stand aber bereits am Elfmeterpunkt. Der Stürmer musste also unnötig lange warten, bis er zum Elfmeter antreten durfte. Das Ergebnis: Havertz vergab den Elfmeter.

Auch waren die meisten deutschen Elfmeter nicht sonderlich platziert geschossen. Im Regelfall kennt man die schwache Ecke des gegnerischen Torwarts und visiert diese an. Da Orlando Gil erst seit Oktober 2025 Stammkeeper von Paraguay ist, muss man davon ausgehen, dass die deutsche Nationalmannschaft noch sehr wenige Daten über ihn gesammelt und an die Spieler weitergegeben hat. Paraguay stand auch erst 2,5 Tage vorher als Gegner fest.

Nick Woltemade schoss zum Beispiel seinen Elfmeter fast in die Mitte. Hier tut sich eine weitere Frage auf: Woltemade war Ersatzspieler bei der WM 2026 und kam erst kurz vor der Verlängerung ins Spiel gegen Paraguay. Einen solchen verunsicherten Spieler zu einem Elfmeter antreten zu lassen, ist unüblich. Gab es keine passenderen Schützen?

2016 wollte noch fast jeder deutsche Nationalspieler Elfmeter schießen

Bei der EM 2016 kam es zwischen Deutschland und Italien zum Elfmeterschießen. Weltmeister Mats Hummels berichtete, dass er damals unbedingt einen Elfmeter schießen wollte. Aber es hatten sich vor ihm schon zahlreiche Kollegen angemeldet. Anders verhielt es sich nun 2026. Sogar die TV-Bilder beweisen, wie Kapitän Joshua Kimmich die Liste für die Schützen sechs bis acht festlegen musste. Dabei fragte er die Spieler, ob sie denn bereit seien, einen Elfmeter zu schießen.

Auch müssen mehrere Fragen gestellt werden: Warum hat der Trainer nicht im Vorfeld die Schützen sechs bis zehn ebenfalls festgelegt? Warum wussten die Spieler untereinander nicht, wer als nächstes geeignet ist? Warum mussten sie noch während des Elfmeterschießens überlegen, wer einen Elfmeter schießt? Und dann wurde es noch besonders dramatisch: Führungsspieler Leon Goretzka war sich nicht sicher, ob er einen Elfmeter schießt. Wohlgemerkt ging es gar nicht mehr um die Top 5, sondern um Schütze sechs aufwärts.

Verteidiger Jonathan Tah spürte die Verunsicherung, übernahm als sechster Schütze Verantwortung, schoss aber über das Tor. Auch hier stellt sich die Frage: Wussten die Teamkollegen, dass Tah noch nie einen Elfmeter in einem Pflichtspiel geschossen hatte?

Torwart Manuel Neuer wäre da geeigneter gewesen. Er hatte einst im Champions-League-Finale 2012 einen Elfmeter sicher verwandelt. Neuer selbst hielt übrigens einen Elfmeter stark, einen weiteren hätte er gehalten, doch der Ball wurde neben das Tor geschossen. Dennoch wirkte es so, als vertraue Neuer nur seiner Erfahrung und Intuition und wisse auch nicht, welcher Schütze von Paraguay welche Ecke bevorzugt. Dabei war Neuer immer ein Datenfreak. 2012 in einem Elfmeterschießen gegen Real Madrid jubelte er noch, weil er sich auf Ronaldo, Ramos und Co. mit Daten von Statistikanbieter Opta vorbereitet hatte.

Wie man es dreht und wendet: Die deutsche Nationalmannschaft war organisatorisch und mental nicht auf das Elfmeterschießen vorbereitet.

Bleibt zu hoffen, dass diese eigentlich traditionelle Tugend der deutschen Nationalmannschaft beim nächsten Turnier wieder auflebt.

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