„Scheißhausparolen“: Die Nebelkerzen von DFB-Sportdirektor Rudi Völler

Bild: Alexander Hassenstein/Getty Images
Rudi Völler bleibt DFB-Sportdirektor. Seine aktuellen Aussagen auf einem Trainer-Kongress sorgen jedoch für Irritationen.
Rudi Völler hat beim internationalen Trainer-Kongress in Mainz für Aufsehen gesorgt. Der 66-Jährige gab zu, dass er nach der WM 2026 als DFB-Sportdirektor „gewackelt“ habe, aber er könne schlecht nein sagen, wenn er zum Bleiben unter anderem von DFB-Vize Hans-Joachim Watzke und Bundestrainer Jürgen Klopp gebeten werde.
Völler mit Argentinien-Bashing
Er kritisierte zudem Vize-Weltmeister Argentinien. „Ich habe gesagt, dass wir als Deutschland besser verteidigen müssen. Da haben viele auch die Argentinier als Beispiel genommen. Das fand ich ein schlechtes Beispiel. Auf einmal waren die Argentinier das Maß aller Dinge. Die Diskussion fand ich ein bisschen scheinheilig“, sagte Völler und fügte hinzu: „Ich möchte keine Mannschaft haben, die spielt wie Argentinien. Das hat mit Fußball nichts zu tun.“
Zudem verteidigte er Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann und kritisierte Medien und Experten. „Am Ende war es so, dass Julian nicht mehr die Lobby hatte, um mitreißen zu können“, erklärte Völler den Rücktritt von Nagelsmann nach dem Aus von Deutschland im WM-Sechzehntelfinale gegen Paraguay und ergänzte: „Vielleicht war er in manchen Momenten auch mal zu dünnhäutig, aber wer ist das nicht als Trainer?“ Und: „Egal, welche Entscheidung er getroffen hat, es wurde ihm negativ ausgelegt. Hat er Spieler kritisiert, wurde er dafür kritisiert. Hat er Spieler in Schutz genommen, wurde er dafür auch kritisiert.“
Er rückte Nagelsmann erneut in die Opferrolle: „Teilweise war es zu hart und einfach auch ungerecht.“ Er selbst habe die Situation unterschätzt und erst während der WM 2026 versucht, einzugreifen.
Der neue Bundestrainer Jürgen Klopp werde sich im Vergleich zu Nagelsmann nun aber öfter Spiele in Stadien ansehen, denn Stadionbesuche seien „nicht so Julians Ding“ gewesen, so Völler, der dann betonte: „Aber deshalb hat Jonathan Tah nicht den Elfmeter verschossen gegen Paraguay.“
Kritik am DFB-Basecamp wird abgewiegelt
Auch die Kritik am WM-Basecamp in Winston-Salem (angeblich zu langweilig, zu schmutzig) wies Völler entschieden zurück: „Solche Dinge spielen für die Mannschaft doch gar keine Rolle. Und auch was über Stimmung und Quartier teilweise verbreitet wurde, waren Unsinn.“ Da Spieler heute Internetzugang hätten, könne ihnen gar nicht so langweilig wie früher sein: „Wir hatten früher in Malente fünf Quadratmeter mit zwei Betten drin und mussten uns gegenseitig Gute-Nacht-Geschichten erzählen.“
Warum aber irritiert nun Völler mit seinen Aussagen?
Nebelkerze 1: Wenn Du schlecht nein sagen kannst, bist Du fehl am Platz
Völler betont seit Langem, dass er schlecht nein sagen kann. Das zeigte sich auch in seiner Arbeit als DFB-Sportdirektor, indem er Julian Nagelsmann viel durchgehen ließ. Führungspersonen, die schlecht nein sagen können, sind keine wirklichen Führungskräfte und haben in verantwortungsvollen Positionen nichts verloren. Völler spricht sich damit eigentlich selbst die Fähigkeit ab, Sportdirektor zu sein.
Nebelkerze 2: Argentinien als Vorbild – jetzt nicht mehr?
Besonders irritierend ist sein plötzliches Argentinien-Bashing. Denn seit der WM 2022 und über mehrere Jahre lobte Völler Argentinien sehr und betonte zugleich, Deutschland sei nicht schlechter als Argentinien, abgesehen von Messi, nur die Leidenschaft fehle. Nun hat Argentinien im Großen und Ganzen ähnlich wie 2022 die WM gespielt, einzig die Bevorzugung durch Schiedsrichter war deutlich größer. Wie kommt Völler nach rund drei Jahren plötzlich zu dem Sinneswandel?
Nebelkerze 3: Nagelsmann wurde unfair behandelt
Besonders problematisch ist aber das regelmäßige Relativieren und Beschwichtigen der katastrophalen Arbeit von Julian Nagelsmann. Nagelsmann war zu jung für diesen Bundestrainerjob und machte viele Fehler gepaart mit einer gewissen Überheblichkeit. Völler deckte und schützte Nagelsmann, wollte ihn sogar noch mehr schützen und mit ihm bis zur EM 2028 weiterarbeiten. Ganz Fußball-Deutschland liegt am Boden, der Trainer trägt eine große Verantwortung dafür, doch Rudi Völler schützt Nagelsmann weiterhin. So kann keine dringend notwendige Leistungskultur entstehen, wenn man sich weiter in die Tasche lügt. Natürlich verfolgt Völler einen menschlichen Ansatz und sieht das Talent von Nagelsmann. Dennoch kann man nach einem solchen Schiffbruch bei der WM 2026 nicht die Realität verleugnen. In diese Richtung geht aber Völler.
Nebelkerze 4: Internetzugang für die Spieler reicht nicht aus
Und schließlich: Die „Scheißhausparolen“ von Medien und Experten sind nicht erfunden. Medien wie Der Spiegel, Sky und die Bild-Zeitung konnten im Nachgang mit Staffmitgliedern und Spielern über fast schon skandalöse Zustände im deutschen Basecamp sprechen. Dabei spielt auch Völlers Argument vom Internetzugang eine geringere Rolle. Ähnlich wie bei der WM 2022 und 2018 verpasste es der DFB, bei der Auswahl des Basecamps eine spannende, kommunikative und mental befruchtende Umgebung für die Spieler zu schaffen. Das ist der nächste Fehler von Nagelsmann mit Duldung von Völler gewesen.
Insofern bringen nicht Medien und Experten „Scheißhausparolen“ auf den Markt, sondern Rudi Völler zündet, ähnlich wie früher als Manager von Bayer 04 Leverkusen, viele Nebelkerzen.
Übrigens gewann „Vizekusen“ erst 2024 seine erste Meisterschaft, als Völler nach über 20 Jahren als Trainer und Sportchef dort nicht mehr mitmischte. Rudi Völler bleibt eine der größten Legenden des deutschen Fußballs und ist unglaublich beliebt. Es wirkt nur so, als sei der Posten des Sportdirektors „nicht sein Ding“, weshalb er offenbar viele Nebelkerzen zünden muss.