Schweinsteigers „Mittelmaß“-Spruch: Werden die DFB-Stars überschätzt?

Bild: Alex Grimm/Getty Images
Bastian Schweinsteiger sieht den deutschen Fußball im „Mittelmaß“ angekommen. Bleibt die Frage: Was können Deutschlands beste Fußballer noch leisten?
„Wir sind keine Top-Mannschaft mehr, wir sind im Mittelmaß angekommen“, sagte Bastian Schweinsteiger nach der 0:1-Niederlage von Deutschland gegen Griechenland in der ARD und legte nach: „Wir haben keine Spieler mehr, die den Unterschied ausmachen.“ Eine Ausnahme sei vielleicht noch Kapitän Joshua Kimmich.
Duell 13. gegen 45. der FIFA-Rangliste
Schweinsteiger verband demnach die schwachen Leistungen des DFB-Teams auch mit der mangelnden Qualität der deutschen Nationalspieler. Griechenland war kein WM-Teilnehmer und nur 45. der FIFA-Weltrangliste, trotzdem konnten die Gäste einen fast schon souveränen Sieg in Augsburg gegen den viermaligen Weltmeister Deutschland einfahren.
Dass die deutsche Mannschaft schon länger in der Kritik steht, ist bekannt. Schließlich wurde bei drei Weltmeisterschaften in Folge das Achtelfinale verfehlt. Auch bei den letzten beiden Europameisterschaften reichte es nicht zu den Top Vier, nicht mal mit Heimvorteil 2024.
Bislang standen die Trainer in der Verantwortung
Oftmals gab man den Trainern für das sportliche Versagen die Verantwortung, sei es Jogi Löw in der Endphase seiner Amtszeit, Hansi Flick bei der WM 2022 oder zuletzt auch Julian Nagelsmann. Die allgemeine Kritik lautete: Hätte man nur einen besseren Trainer auf der Bank, dann würde vieles besser bei der deutschen Nationalmannschaft laufen.
Nun hat Deutschland mit Jürgen Klopp einen der fünf besten Trainer der Welt und wohl den besten deutschen Trainer. Trotzdem reichte es gegen Griechenland nicht mal für ein eigenes Tor. Klar, Klopp ist noch in der Findungsphase und probiert viel aus, dennoch standen in der Mannschaft einige der besten deutschen Fußballer. Mit ein, zwei Einzelaktionen sollten Spiele dieser Art deshalb trotzdem locker gewonnen werden.
Genau deshalb lenkt Schweinsteiger nun den Fokus auf die Spieler. Deutschland hat offenbar keine Unterschiedsspieler mehr. Und man darf noch zugespitzter fragen: Sind Deutschlands beste Fußballer overrated? Also maßlos überschätzt, überbewertet, überhypt und vielleicht auch überbezahlt?
Zunächst ein Blick auf Deutschlands beste Klub-Mannschaften:
Beim FC Bayern geben zum Beispiel ausländische Spieler wie Harry Kane (England), Michael Olise (Frankreich) und Luis Díaz (Kolumbien) den Ton an. In der Abwehr wird der Franzose Dayot Upamecano als der bessere Innenverteidiger im Vergleich zu DFB-Akteur Jonathan Tah angesehen. Das kann man auch an der Gehaltshierarchie der Münchner ablesen: Upamecano verdient angeblich 20 Millionen Euro im Jahr, Tah nur zwölf.
Stichwort Gehalt: Jamal Musiala ist der drittbestbezahlte Fußballprofi in Europa mit einem angeblichen Jahresgehalt von bis zu 30 Millionen Euro. Er hat aber, abgesehen vom deutschen Meisterschaftsfinale 2023, kein bedeutendes Spiel auf Top-Ebene entschieden. So spielt der Spielmacher des FC Bayern auch bei Wahlen wie dem Ballon d’Or keine Rolle. Einschränkend kommen nun seine gesundheitlichen Probleme hinzu.
Selbst der eingangs von Schweinsteiger gelobte DFB-Kapitän und Bayern-Antreiber Joshua Kimmich hat Zweifel an seiner Qualität aufkommen lassen. 1996-Europameister Dietmar Hamann fordert längst seinen Rücktritt. Im Tomorrow Business Podcast sagte Hamann unlängst: „Kimmich hatte jetzt fünf Turniere in verantwortungsvoller Position. Und er hat es fünfmal nicht geschafft.“ Ergänzend muss nun anfügen: Trotz Lieblingsposition im defensiven Mittelfeld kam auch in den Spielen gegen die Niederlande und Griechenland nicht viel von Kimmich.
Über Bayerns ärgsten nationalen Rivalen Borussia Dortmund kann man sich dagegen in Sachen deutsche Nationalmannschaft kurz halten: Deutsche Stammspieler beim BVB sind mit der Lupe zu suchen. Daher sind auch nur drei Profis zur Nationalmannschaft eingeladen: Nico Schlotterbeck, Felix Nmecha und Waldemar Anton.
Auch entsetzlich: Champions-League-Teilnehmer RB Leipzig hat in seiner kompletten Bundesliga-Zeit noch keinen Spieler aus der eigenen Jugend der deutschen Nationalmannschaft zugeführt.
Und der VfB Stuttgart stellt zwar eine beachtliche Zahl an deutschen Nationalspielern, diese sind aber von anderen Klubs zusammengekauft und agieren sehr formschwankend (u.a. Deniz Undav und Maxi Mittelstädt).
Havertz bildet die Ausnahme
Im Ausland spielt unter den deutschen Legionären konstant auf Top-Niveau nur Kai Havertz bei Arsenal, allerdings ist er oft verletzt. Ausland ist ein weiteres Stichwort: Es gibt kaum mehr deutsche Legionäre bei europäischen Top-Klubs – und Antonio Rüdiger von Real Madrid ist aus dem DFB-Team zurückgetreten.
Im deutschen Tor hat sich Bundestrainer Jürgen Klopp zum Beispiel für Marc-André ter Stegen als neue Nummer eins entschieden. Ter Stegen war nach zahlreichen Verletzungen für den FC Barcelona nicht mehr gut genug. Deshalb spielt ter Stegen nun auf Leihbasis für Ajax Amsterdam. Die niederländische Liga wird laut UEFA als die achtstärkste in Europa geführt, Ajax ist die fünftstärkste Mannschaft in dieser Liga: Das ist kein europäisches Top-Niveau.
Und wenn deutsche Spieler doch bei einem Top-Klub sind, läuft es eher bescheiden:
Wirtz steckt in Liverpool in Schwierigkeiten
Florian Wirtz hatte erheblichen Anteil am Double-Sieg von Bayer 04 Leverkusen im Jahr 2024. Seitdem stagniert aber seine Entwicklung. Seit 14 Monaten gleicht er beim FC Liverpool einem sportlichen Totalausfall. Fast wöchentlich wird er deshalb in England von Medien und Experten zerlegt.
Bliebe vielleicht noch Karim Adeyemi, der Hoffnung macht. Beim FC Barcelona hat er einen Top-Start erwischt. Allerdings spielt er gerade fast mit der kompletten spanischen Weltmeister-Mannschaft zusammen. Bessere Mitspieler machen einen selbst besser.
So muss Adeyemi, der bislang nicht als Mentalitätsspieler gilt, seine Leistung auch noch auf das DFB-Team übertragen. Seine vergebene Großchance gegen die Niederlande hat jeder mitbekommen.
Fazit: Nachdem, durchaus berechtigt, sehr oft der Fokus auf katastrophale Trainerleistungen beim DFB-Team gelegt wurde, sollte nun die Leistung der deutschen Nationalspieler selbst genauer unter Beobachtung stehen.
Stand jetzt kann man TV-Experte Bastian Schweinsteiger durchaus zustimmen: Deutschlands beste Fußballer sind im sportlichen Mittelmaß angekommen. Sie werden zumeist überschätzt. Immerhin haben die Profis die Chance, noch alle vom Gegenteil zu überzeugen.